Löffelschnitzer

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Kuriositäten

Kuriositäten

Der Mann mit dem Löffel, 2021, Bildhauer Christoph Sprute, Bremen (https://www.christophsprute.de/). Bei der 27cm hohen Arbeit könnte es sich um einen der Heringsfischer aus Vegesack handeln (siehe dazu  Heringslöffel auf dieser Seite). Um der Figur auch das richtige Aussehen als Fischer zu geben, besorgte ich mir einige winzig kleine Pudelmützen. Ich bekam 10 Stück in allen Farben, nicht viel größer als ein Fingerhut.

Die Dienstboten: Bis zum Jahre 1912 war Maria Lichtmess am 02. Februar gesetzlicher Feiertag in Österreich. An diesem Tage endete traditionell die Weihnachtszeit – 40 Tage nach der Geburt Christi.

Daneben erhielten an diesem Tag die Dienstboten und Knechte ihren Jahreslohn und sie durften den Arbeitsplatz wechseln. Wer früher seinen Arbeitsplatz verlassen hatte, verlor den Lohn insgesamt.

Wer an Maria Lichtmess noch keinen neuen Dienstherren hatte, steckte seinen Holzlöffel hinten an seinen Hut. Dies war das Zeichen dafür, dass der Träger noch arbeitssuchend war. Wie Frauen diesen Umstand zur Kenntnis brachten, wird nicht berichtet.

Die Löffelritter: Die Löffelgesellschaft bekannt als Orden vom Löffel wurde um 1525 von 60 Adeligen in der Schweiz gegründet. Ziel war sich von Karl III loszusagen, was allerdings nicht gelang. Schließlich wollte man die Republik Genf politisch unterwandern und „auslöffeln“. Dieses Ziel war Anlass für das Erkennungszeichen eines hölzernen Löffels am Hut. Außerdem trug man ein weißes Hemd über der Rüstung mit dem Bild eines Löffels. Im Ergebnis ließ sich Genf aber nicht „auslöffeln“, auch wenn diese Rittergemeinschaft schließlich über 3.000 Mitglieder verfügte.

Meine Erfahrungen mit der DHL beim Versenden von Päckchen nach Berlin sind die schlechtesten. Immer wieder verschwanden trotz Sendungsverfolgung von mir versandte Päckchen und auch Briefe im Nirwana. Sehr ärgerlich.
Am Montag versuchte ich nun einen Löffel an eine Freundin in Berlin zu versenden. Ein kleines handliches Päckchen mit jeder Menge Verpackungsmaterial und praktisch keinerlei Gewicht. Ein Windstoß hätte dieses vom Band fegen können. Am Donnerstag war es immer noch nicht in Berlin eingetroffen und ich hatte den Löffel schon verloren gegeben und mich innerlich von dem Buchsbaumlöffel Nr. 693 verabschiedet. Das wollte die Freundin nicht glauben und tatsächlich traf dann am Freitag das Päckchen doch noch bei ihr ein. Sie schrieb dazu:                                                  
„Lieber Pessimist,
das Paket ist angekommen. Der Löffel ist so wunderschön!!!!! Vielen Dank, ein echter Handschmeichler, wunderschöne Form, das helle glatte, geschwungene Holz – er ist perfekt. Die richtige Größe und dann noch signiert.Ein echter Wesemann. Ich bin gerührt und freue mich auf den Text., den lese ich abends. 1000 Dank und liebe Grüße -Cathrin“                                           
                                                                                
Foto rechts: Cathrin Bach, Berlin

Bronze, 1926/27, Skulptur von Alberto Giacometti  im Museum Louisiana, Kopenhagen.

Diese Skulptur ist das Hauptwerk der von afrikanischer und anderer Stammeskunst inspirierten Werkgruppe von 1925/27. Die mächtige Löffelform erinnert an urtümliche Fruchtbarkeitsidole und Löffel afrikanischer Stammeskulturen von Menschengestalt.

Ein großer Löffel vor der historischen Hütte des Löffelschnitzers im Freilichtmuseum in Riga, Lettland - Danke Herbert für das Foto!

Löffelensemble im Museum in Grassi, Italien

Ein Löffel von mir beim Freund im Einsatz

Ein Teil meiner Werkzeuge

Mein Werkverzeichnis, inzwischen auf 8 Bände gewachsen

Freunde baten mich von Anfang an zu dokumentieren, wann ich welchen Löffel aus welchem Material und welcher Herkunft sowie der vielleicht dahinter steckenden Geschichte aufzuschreiben. Daraus sind inzwischen 8 Din A4 Bände geworden, auch wenn ich zugeben muss, dass ich zeitweise auch aufgrund meiner beruflichen Belastung das Verzeichnis sehr vernachlässigt hatte. Insgesamt sind dort bis heute (01.08.2022) 689 Löffel dokumentiert.
Auch mir zugetragene Geschichten über Löffel oder deren Gebrauch haben Eingang in das Verzeichnis gefunden. Einige dieser Geschichten findet ihr auch auf dieser homepage.

Der eycatcher aus Pappmaschee, stammt aus dem Wagenfeldmuseum zur Zeit der Löffelausstellung von Herrmann Jünger

Es klappt nicht immer, manchmal muss ich auch aufgeben

In Stein habe ich mich auch mal versucht, ist mein Grabstein geworden.

Der „Alte Fritz“ und der fehlende Löffel

Der „Alte Fritz“ ärgerte gerne den Reitergeneral Ziethen bei den unterschiedlichsten Begebenheiten. Ziethen war nicht auf den Mund gefallen und hatte wenig Respekt vor den Majestäten. Aus einer dieser Begebenheiten wird berichtet, dass der General beim König zum Essen eingeladen war. Der König verfügte, dass für Ziethen kein Löffel zur Suppe eingedeckt wurde. Als dann die Suppe kam, soll er zu Ziethen gesagt haben: „Nun lange er zu, aber ein Hundsfott ist, wer heute nicht seine Suppe aufisst.“

Aber Ziethen ließ sich nicht provozieren und schnitzte sich aus einem Brotkante einen Löffel, mit dem er die Suppe aß. Nachdem er seine Suppe aufgegessen hatte, soll er fröhlich lächelnd geäußert haben, mit der Suppe sei er fertig: „Aber ein Hundsfott ist, wer nicht auch seinen Löffel aufisst!“ und verspeiste gelassen seinen Löffel.

Das Wort Löffel in verschiedenen Sprachen

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Wunkirle; die Gastfreie Frau

Wunkirle; die Gastfreie Frau

Ein Aufsatz von Jan Veninga

Zeremonielle Reislöffel bei den Dan in West-Afrika

„Nun galt es für den Sohn zu zeigen, dass er auch ein großer Mann sei, gewillt, sich den guten Namen des Vaters unter allen Umständen zu erhalten. Große Mengen Reis – der Vorrat vieler Wochen – wurden bereitgestellt, Ziegen, Hühner und Schafe geschlachtet. Die Frauen huschten geschäftig von einer Hütte zur anderen und brachten ihre großen schwarzen Holzlöffel herbei. Diese herrlichen Werke afrikanischer Schnitzkunst, deren Griff die Form eines Frauenkopfes hat oder als Tierkopf gebildet ist, benützt die Hauptfrau zum Austeilen des gekochten Reises. Große Mengen Palmwein wurden in den goldgelben Kugeln der Kalebassen herbeigebracht. Die ersten Gäste trafen ein, es war ein herzliches, liebevolles Begrüßen und Wiedersehen ringsum.“

Aus: Schwarze Schwester; von Mensch zu Mensch in Afrika; Ulrike Himmelheber

Die Schnitzkünstler der Dan an der Küste West-Afrikas fertigen nicht nur beeindruckende Masken, sondern auch Löffel. Manche dieser Löffel sind bloße Gebrauchsgegenstände, andere erfüllen aber eine soziale, zeremonielle Funktion in der Gemeinschaft. Diese sogenannten wa ke mia oder wunkirmian, was soviel wie „Festlöffel“ heißt, sind etwa 40 bis 70 cm groß. Sie haben eine große Schaufel und der Griff ist kunstvoll geschnitten, meistens in der Form einer menschlichen Figur oder auch menschlicher Beine.
Die Eigentümerin dieses Löffels wird wunkirle genannt, „Frau die auf Festen agiert“. Diese ehrenvolle Bezeichnung wird der gastfreundlichsten Frau des Dorfes oder Dorfviertels verliehen, und ist u.a. mit der Verantwortung verbunden, die Feste anläßlich der Maskenzeremonien vorzubereiten. Die wunkirle weist besondere agrarische, organisatorische und kulinarische Fähigkeiten vor, die sie allerdings nicht nur einsetzt um die Maskengeister willkommen zu heißen und zu feiern, sondern auch um díe Dorfbewohner und rundreisende Künstler oder sonstige Gäste zu verköstigen.
Wenn eine Frau als Gastfrau eines solchen Festes ausgewählt wurde, zieht sie durch das Dorf mit dem zeremoniellen Reislöffel, der gleichzeitig ein Attribut ihres besonderen Status ist. Am eigentlichen Festtag tanzt sie in Männerkleidung durch das Dorf, weil eben nur Männer wirklich ernst genommen werden, wie es heißt (Fischer 1976:159). Sie schwingt den Löffel und zeigt eine mit kleinen Münzen oder Reis gefüllte Schale. Mit Hilfe ihrer Assistentinnen, meistens verwandte oder befreundete Frauen, verteilt sie die Reiskörner und die Münzen unter den Kindern des Dorfes und tanzt und singt dabei. Die gewölbte Form des Schaufels symbolisiert dabei den weiblichen Körper oder Schoß, als Quelle von Gastfreundlichkeit, Nahrung und Leben.
Der wa ke mia erfüllt aber nicht nur eine zeremonielle, sondern auch eine unmittelbare spirituelle Funktion: Er stellt einerseits die Verbindung der Dan Frauen mit der Welt der Geister her, und verkörpert auch selbst einen Löffelgeist. In der Hinsicht hat er bei den Frauen eine ähnliche Funktion wie die Masken bei den Männern, und kommt auch häufig in den gleichen Zeremonien zum Einsatz.
In dieser Arbeit, die im Rahmen der Veranstaltung „Gute Mutter – böse Hexe?“ Afrikanische Frauen(bilder) in religiösen Zusammenhängen von Silke Seybold M.A., Afrika-Expertin des Übersee-Museums in Bremen, entstanden ist, werde ich anhand einer Literaturuntersuchung versuchen dieses Thema am Beispiel der wunkirle und des wa ke mia zu erörtern. Die Feldforschungen, die dieser Literatur zugrunde liegen, fanden zwischen 1949 und 1976 statt. Dementsprechend bezieht sich diese Arbeit, obwohl sie in der Präsensform geschrieben wurde, ausschließlich auf diesen Zeitraum, da neuere Erkenntnisse mir nicht vorliegen.

Groningen, 4. März 2006 Jan Veninga

Die Dan sind eine Volksgruppe im mittleren Liberia und einem Teil der Elfenbeinküste. Sprachlich wei kulturell gehören sie zur Gruppe der sog. peripheren Mande, ursprünglich ein Waldvolk das sich während der letzten Jahrhunderte in diesem Gebiet angesiedelt hat. Sie leben meist als Urwaldbauern und roden regelmäßig durch Schlag und Brand neue Waldgebiete für den Anbau von Reis und Maniok, Mehlbananen und Yams, neuerdings auch Kaffee. Außerdem leben sie von Jagd und Fischfang (Himmelheber 1960:137; Fischer 1990:28).
Die Dan leben vorwiegend in Dorfgemeinschaften ohne zentrale Machtstruktur. Die gesellschaftliche Struktur wird von Sippschaften – mit oder ohne Blutsverwandtschaft – und von sogenannten Geheimbünden – die sich zum Beispiel als politische, rechtsprechende oder sich einem bestimmten Geistwesen widmende Institution betätigen – geprägt. Die kriegerische Tradition der Dan hat sich leider in der jüngeren Zeit dahingehend fortgesetzt, dass sie als Rebellen unter der Anführung von berüchtigten Kriegsherren in Liberia äußerst gewalttätige Kämpfe führen.

Zum kosmischen Verständnis der Dan gehört, dass sie sich als Bewohner der Erde (sä) betrachten – und diese von einem Himmel (naduo) überwölbt wird, der jedoch genauso gestaltet ist wie die Erde und von einem Gott namens Sra bewohnt wird. Die Erde wird wiederum von hohen Bergen und dem Ozean (jo) begrenzt (Fischer 1967:251).
Der Schöpfergott Sra greift nicht aktiv in die menschliche Existenz ein; dies ist eher der kosmischen Kraft namens dü vorbehalten. Diese manifestiert sich in Menschen, Tieren oder eben kultischen Gegenständen wie Masken oder Löffeln innewohnenden Geistwesen. Diese Geistwesen können in mehreren unterschiedlichen Lebewesen gleichzeitig existieren, sei es einem Mensch oder einem Tier. Der kunstschaffende Mensch ist außerdem in der Lage, dem dü – oder einem bestimmten Aspekt davon – zum Beispiel in Form einer Maske oder eines Löffels Gestalt zu verleihen. Das religiöse Leben – also die Zeremonien und Rituale – der Dan dient daher nicht der Verehrung des Schöpfergottes Sra, sondern der Kommunikation mit den Manifestationen von dü. Denn die entscheiden letztendlich selbst darüber, ob und in welcher Form und wie lange sie sich in Menschen, Tieren oder Gegenständen manifestieren (Fischer 1976:5-6).
Das Kunsthandwerk der Dan, vor allem die Holzschnitzerei, spielt eine wesentliche Rolle in ihrem spirituellen und sozialen Leben. Schließlich sind die herumreisenden, freischaffenden Künstler in der Lage, die geistige Kraft dü bildhaft zum Ausdruck zu bringen. Sie stellen dabei nicht unbedingt das sichtlich wahrnehmbare dar, sondern bemühen sich, zumindest bei der Herstellung zeremonieller Objekte ‚das, was – unsichtbar dem volk – anwesend ist und wirksam zu werden begehrt, sichtbar zu machen und damit für jedermann wirksam und verbindlich werden zu lassen’ (Fischer 1963:163). Dementsprechend ist der Beruf des Holzschnitzers durchaus angesehen.
Ein anderer Hintergrund der religiösen Aktivitäten der Dan sind die beiden wichtigsten Werte der Dan-Kultur:
a. Das Streben nach Ruhm (tin), der auf zwei Weisen erreicht werden kann:
• direkt, indem man Eindruck macht durch das Erbringen einer bestimmten Leistung;
• indirekt, indem die Erträge der Leistung großzügig geteilt werden.
b. Das Streben nach Wohlstand in Form von Nahrungsmitteln, Vieh und auch Gegenständen wie Häuser, Stoffen, wertvollen Zaubermitteln und Haushaltsgeschirr (Fischer 1967:264-280).

Gerade die zeremoniellen Reislöffel der Dan sind, wie die Masken, wichtige künstlerische Erzeugnisse, die nicht nur eine praktische, sondern manchmal auch eine soziale und zeremonielle Funktion erfüllen. Sie verkörpern bestimmte Geistwesen und sind eine Quelle spiritueller Kraft für ihre Inhaberin, die wunkirle. Im Folgenden möchte ich die Funktion des wa ke mia sowie anderer Löffel im gesellschaftlichen und spirituellen Leben der Dan beschreiben, besonders im Hinblick auf die Teilnahme der Frauen daran.

3.1 Praktische, soziale und zeremonielle Funktionen von Löffeln bei den Dan

Je nach ihrer Funktion haben die Löffel der Dan unterschiedliche Funktionen und Bezeichnungen:

a. Die mia nä, oder kleine Löffel sind Esslöffel für alte Leute. Sie sind klein geschnitten, damit man mit ihnen auch etwas flüssigere Nahrung wie Reis mit Sauce schlürfen kann. Die oval oder auch spitz auslaufende Laffe dieser Löffel is normalerweise ungefähr fünf bis acht Zentimeter lang. Die meist rund geschnitzten Griffe enden häufig in einem Ornament, als Kontrapunkt zur leicht gebogenen schaufelförmigen Laffe.
Diese Löffel werden als buchstäblich lebenswichtiges Kleinod gehütet und oft mit aussagekräftigen Kosenamen versehen. Beispiele dafür sind “Ich gebe dir keine Schuld (wenn ich beim Essen zu kurz komme)“ oder „Ich lasse dich mit meinen Kindern zurück“, was so viel heißt, dass der Löffel seinen Inhaber wohl überleben wird (Fischer u. Himmelheber 1990:28).

b. Als ya bo sie mia werden die Kochlöffel der Hauptfrauen bezeichnet, was „gekochter Reis teilen Feuer Löffel“ heißt. Diese Löffel sind normalerweise ungefähr 35 cm lang. Der Schaufel ist oval- und kahnförmig, der Griff ist handlich und endet oft in einem geschweiften Dreieck, einem Ring oder einem kleinen Kopf (Fischer u. Himmelheber 1990:29).

c. Die wa ke mia schließlich, „Fest handeln löffel“, sind die zeremoniellen Löffel der wunkirle. Die wa ke mia sind primär als Würdezeichen ihrer Besitzerin gedacht, was sich auch daran zeigt, dass sie meistens kaum Gebrauchsspuren zeigen (Fischer u. Himmelheber 1990:30). Diese Löffel sind ca. 40 bis 70 cm lang und etwas monumentaler als normale Gebrauchslöffel ausgestattet: Am Griffende befindet sich ein menschlicher Kopf, eine Hand oder ein Tierkopf, eine Schale oder ein Ornament. Die üblichste Darstellung ist die einer menschlichen Figur. Der Kopf wird dabei ähnlich dargestellt wie auf den sogenannnten deangle Masken der Dan. Oft läuft von der Stirn bis zur Nase ein vertikaler Strich der Tätowierungen darstellt, und quer über den Augen befindet sich häufig ein Band aus weißem Kaolin, ähnlich wie die Augenverzierung mancher Dan Frauen.
Der Kopf trägt meistens eine geschnitzte Frisur – häufig mit schwarzgefärbten Pflanzenfasern geschmückt – wie sie zur Zeit der Entstehung des Löffels gerade modisch war. Am Nacken sind oft dekorative Einkerbungen zu sehen, und vertikale Kerben an den Augenbrauen stellen die Gewohnheit der Dan dar, aus kosmetischen Gründen in einem ähnlichen vertikalen Muster Teile der Augenbrauenhaare auszuziehen. Eingekerbte Halsringe betonen das Schönheitsideal eines langen Nackens.
Das Gesicht am Löffel stellt in manchen Fällen offensichtlich eine spezifische Frau dar, und zwar die ursprüngliche Inhaberin des Löffels. Zu diesem Zweck werden außer dem Gesicht auch bestimmte körperliche Merkmale wie Tätowierungen oder Narben hervorgehoben (Fischer 1963:207).
Eine andere Art, den Löffel als menschliche Figur darzustellen, ist die Gestaltung des Griffs als ein Paar menschlicher Beine. Die Schaufel stellt dann den Oberkörper oder den Schoß einer Frau dar. Die Beine können auch die Menschen symbolisieren, die zu Fuß herbei eilen, um sich von der wunkirle ernähren zu lassen (Fischer u. Himmelheber 1990:38).
Andere Grifformen sind eine menschliche Hand, die sozusagen darstellen soll dass die wunkirle ‘alles im Griff’ hat, sowie Köpfe von Schafen, Ziegen oder Kühen, die entweder bestimmte Opfertiere oder die Aussteuer einer Frau symbolisieren sollen. Auch eine Schalenform, die Nahrung und Fülle symbolisiert, und mehr abstrakte Formen kommen vor (Fischer u. Himmelheber 1990:33).www.natsara.com

Im folgenden möchte ich die Funktion des wa ke mia und die Position seiner Inhaberin, der wunkirle, in den Zeremonien, der sozialen Ordnung und dem spirituellen Leben der Dan näher beschreiben.

3.2 Wa ke mia und wunkirle; die tüchtige und gastfreie Frau schwingt ihren Löffel

Der wa ke mia ist das Zeichen der Würde der wunkirle. Diese zeichnet sich aus durch ihre Tüchtigkeit und Großzügigkeit. Dies impliziert, dass der Löffel nicht bloß vererbt wird; wenn eine wunkirle alt wird, wählt sie ihre Nachfolgerin aus den jungen Frauen ihres Dorfes. Weil die Gesellschaft der Dan patriarchial ausgerichtet ist, und Ehefrauen normalerweise aus anderen Dörfern stammen, kann sie den Löffel nicht an ihre Tochter weitergeben, sondern nur an eine Frau, von der sie glaubt, dass sie die Großzügigste und Fleißigste ist. Die mit dem Amt der wunkirle verbundenen Pflichten sind, dass sie all ihren Gästen gegenüber gastfreundlich ist, und keine Gruppe zu groß ist, um ihnen ein Mahl zu bereiten. Rundreisende Musikgruppen oder Unterhaltungskünstler zum Beispiel, aber auch die Männer die die Feldarbeit machen, schauen bei ihr rein um sich von ihr speisen zu lassen. Auch während des Festivals bietet sie fremden Leuten ihre Gastfreundschaft an. Um sich dies alles leisten können, muss die wunkirle eine tüchtige Bäuerin sein, und auf die Mitarbeit ihrer Familie zählen können (Fischer u. Himmelheber 1990:33).

3.3 Wunkirle im Wettbewerb: wer ist die Gastfreundlichste im ganzen Land?

Während der Feste im Dorf wandert die wunkirle, gefolgt von Frauen aus der Nachbarschaft, mit dem Löffel durch das Dorf. Jede der Frauen trägt einen Topf mit gekochtem Reis oder Suppe. Die wunkirle verteilt das Essen entweder selbst unter den Gästen oder sie weist mit dem Löffel die Frauen an, dies zu tun. Während mancher Feste gibt es einen regelrechten Wettkampf zwischen mehreren wunkirlone eines Dorfes, wer am generösesten ist. Außer Reis und Suppe werden deshalb auch öfters Nüsse, Süßigkeiten und andere Leckereien verteilt, während die Frauen tanzen. Auch sie verteilen übrigens Geschenke, aber immer im Namen der wunkirle, der sie unterstehen. Manchmal zeigt sich der Status der wunkirle daran, dass ihre Nachbarinnen sie in einer Hängematte durch das Dorf tragen.
Weil nur die Gäste unparteiisch sind, entscheiden sie darüber, welche wunkirle die wohlhabendste und generöseste ist. Diese wird dann mit Liedern gefeiert (Fischer u. Himmelheber 1990:34-35).

3.4 Dü; die spirituelle Kraft der wa ke mia

Wenn eine alte wunkirle stirbt, wird aus diesem Anlass normalerweise ein Festival organisiert; einerseits um sie zu ehren, andererseits um eine Nachfolgerin zu inaugurieren. Die neue wunkirle muss jetzt beweisen, dass sie ihrem Amt würdig ist; die spirituelle Kraft ihres Löffels muss bekräfigt werden, indem sie den Dorfbewohnern und den auswärtigen Gästen eine beachtliche Menge Essen und Geschenke anbietet. Umgekehrt lässt die wunkirle sich auch von der Kraft des Löffels helfen. Diese Kraft, die als “dü” bezeichnet wird, ermöglicht es ihr, ihren Pflichten nachzukommen. Die wa ke mia stellen also einerseits die Verbindung ihrer Inhaberin mit der Geisterwelt da, sind aber andererseits auch das Symbol dieser Verbindung. Aus diesem Grund sagen die Dan, dass die wa ke mia für Frauen das Gleiche sind wie die Masken für Männer. Und wie die Masken erhalten die wa ke mia einen eigenen Namen wie zum Beispiel Piase („Feines Gesicht“) oder Mlanyor („Glückliche Frau“).
Die Löffel haben die Eigenschaft um, wie die Masken, im Traum mit ihrer Besitzerin zu sprechen. Letztendlich muss auch der Löffelgeist die wunkirle autorisieren, was letztendlich im Traum passiert. Umgekehrt muss, wenn ein alter wa ke mia von einem neuen ersetzt werden muss, auch die spirituelle Kraft des alten Löffels auf den neuen Löffel übertragen werden. Zu diesem Zweck finden dann gesonderte Opferzeremonien statt (Fischer u. Himmelheber 1990:36).

Die Tradition der Reislöffel der Dan, der wa ke mia, und seiner Inhaberin, der wunkirle, fügt sich auf verschiedene Weisen in das soziale und religiöse Leben der Dan ein:
Auf der religiösen Ebene erfüllt der zeremonielle Reislöffel die Funktion eines Mittlers zwischen der materiellen und der geistigen Welt. Gleichzeitig ist er auch selbst Manifestation eines Hilfsgeistes, der es einzelnen Mitgliedern der Dorfgesellschaft ermöglicht, eine bestimmte Rolle (hier die der wunkirle) zu spielen. Insofern zeigen diese Reislöffel eine gewisse Ähnlichkeit mit den Masken der Dan (Fischer u. Himmelheber 1990:36).
Auf der sozialen Ebene ermöglicht der Status einer wunkirle es den Frauen der Dan, ihren bäuerlichen Fleiß, Ruhm und Wohlstand zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht garantiert die Institution der wunkirle den rundreisenden Männern auch, so die These des Bremer Löffelschnitzers Horst Wesemann, dass sie in fremden Dörfern immer Essen bekommen. Das wäre wichtig, weil durch die Wanderschaft dieser Männer, wie durch das Ausheiraten der Frauen in andere Dörfer, Inzucht vermieden wird.
Die Tradition des wa ke mia und der wunkirle integriert Frauen also auf sozialer und religiöser Ebene in die Gesellschaft der Dan, obwohl sie dennoch im Vergleich zu den Männern auf beiden Ebenen scheinbar eine eher untergeordnete Rolle spielen….

Eberhard Fischer und Hans Himmelheber: Löffel der Dan, in: Lorenz Homberger (Hrsg.): Löffel in der Kunst Afrikas, Musum Rietberg, Zürich 1990.

Ernst Winitzki: Afrikanische Löffel / African Spoons. Katalog zur Ausstellung Löffel in der Kunst Afrikas, Ausgabe des Museum Rietberg, Zürich 1990.

Eberhard Fischer: Künstler der Dan; Die Bildhauer Tame, Si, Tompiene und Sõn – ihr Wesen und ihr Werk -, in: K. Krieger und G. Koch (Hrsg.): Baessler-Archiv; Beiträge zur Völkerkunde, Neue Folge Band X (XXXV. Band), Verlag von Dietrich Reimer, Berlin 1963.

Hans Himmelheber: Negerkunst und Negerkünstler. Klinkhardt und Biermann Verlag, Braunschweig 1960

Eberhard Fischer: Der Wandel ökonomischer Rollen bei den westlichen Dan in Liberia. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1967

Eberhard Fischer: Die Kunst der Dan. Ausgabe des Museum Rietberg, Zürich 1976.

Ulrike Himmelheber: Schwarze Schwester; von Mensch zu Mensch in Afrika. Carl Schünemann Verlag, Bremen 1957

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Löffelsprüche

Löffelsprüche

Besser ohne Löffel als ohne Brei
Mit dem silbernen Löffel im Mund geboren
I was born with a plastic spoon in my mouth (The Who)
Wer den ersten Löffel der Morgensuppe nimmt, wird das Regiment führen; wer aber den Löffel als erster hinlegt, wird als erster sterben!
Wer den Löffel fallen lässt, wird bald sterben!
Den Löffel abgeben!
Die Suppe, die man sich einbrockt, muss man auch auslöffeln!
Den Löffel aufstecken (ans Löffelbrett- man gehört zur Familie)
Bleibt bei Tisch ein Löffel unbenutzt, isst der Teufel mit!
Vor der Benutzung muss man in den Löffel blasen, sonst bekommt man einen schlimmen Mund!
Was hinter die Löffel bekommen! (Hasen werden auf diese Art getötet)
Über den Löffel balbieren (jemanden betrügen!)
Die Weisheit mit Löffeln gefressen!
Scheffelweise sammeln, löffelweise ausgeben!
Schreib es Dir hinter die Löffel! (hinter die Ohren)
Gute Suppen schöpft man nicht aus dem Brunnen!
Man soll den Löffel nicht aus der Hand geben, bevor man selber gegessen hat!
Ein Löffel voll Tat, ist besser als ein Scheffel voll Rat!
Rotzlöffel
Dass Glück ihm günstig sei, was hilft`s dem Stöffel?
Denn regnet`s Brei, fehlt ihm der Löffel!
Die Ohren nennt man Löffel, weil man mit den Ohren Verdacht schöpft.

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… ich bin interessiert!

… ich bin interessiert!

03. April 2021

Vor ein paar Tagen saß ich in meiner Aussenwerkstatt und schaute in meinen Holzvorräten nach einem für einen Löffel geeigneten Stück Holz. Ich fand ein Reststück von einer Robinie. Schönes gelbes Holz, die Fasern extrem parallel, noch leicht feucht und deshalb gut zu bearbeiten. Nur war dieses Reststück zu flach. Zum Verheizen zu schade. Was kann ich außer einem Löffel schnell schnitzen? Ein Holzmesser! Als quasi Abenteuermesser/Indianermesser mit zwei Schneiden oder als Küchen- oder Buttermesser mit einer Schneide. Dieses flache, schöne Holzstück ließ sich mit der Axt sehr präzise bearbeiten: kein unkontrolliertes Wegbrechen dank der gerade verlaufenden Fasern. Innerhalb kürzester Zeit waren die Konturen geschlagen, sodann mit dem Messer etwas nachgearbeitet und nach kürzester Zeit hielt ich ein fast fertiges Messer in meinen Händen. Zumindest die „Klinge“ sollte schön glatt und geschmeidig werden. Schleifpapier kam zum Einsatz.

Je weiter die Fertigung dieses Messers heranreifte machte ich mir Gedanken darüber, wo ich damit bleiben soll. Da ich auch weiterhin regen Publikumsverkehr außerhalb des Zaunes wahrnehmen konnte entschied ich: Das nächste Kind , welches mich aus der Entfernung fragt „Was machst Du da?“, dem schenke ich das Messer.

Ich war im 3. Schleifgang mit 150er Papier, da hörte ich eine entsprechende Frage aus dem Munde eines vielleicht 3jährigen Jungen. Nach einer kurzen Erklärung über meine Leidenschaft Löffel zu schnitzen ging ich auf die Familie zu und fragte die begleitende Mutter, ob ich dem Jungen ein Holzmesser schenken darf. Sehr gerne, äußerte sie und strahlte ob der nächsten Ereignisse. Ich zeigte dem Jungen das Messer, hielt es ihm mit erklärenden Hinweisen entgegen. Er zögerte leicht, blickte zu seiner Mutter, ergriff das Messer und fragte mich: Echt jetzt? Ja, bestätigte auch die Mutter und forderte ihn auf: sag Danke! Das kam leise, aber hörbar aus seinem Munde. „Lauter“! kam die Anweisung der Mutter, was ich lächelnd und dankend abwehrte. Ich hatte das Gefühl, zwei Menschen eine Freude gemacht zu haben. Die Begegnung endete mit allseits strahlenden Gesichtern.

Heute verarbeitete ich zwei weitere für Löffel ungeeignete Reststücke zu Holzmessern: Ein Buttermesser und ein Abenteuermesser.
Besuch von Adam(6) und Naima (4) in meiner offenen Werkstatt, die Enkelkinder unserer Nachbarin Elke! Die beiden Kinder hatten im letzten Jahr mit meiner Hilfe jeweils einen sehr schönen Löffel geschnitzt!
Nach kurzer Besichtigung meines Arbeitsplatzes richtete sich deren Aufmerksamkeit dann aber auf diese quasi fertigen zwei Messer auf dem Holzbock.

Die Frage, was ich damit machen würde, beantwortete ich dahingehend, dass ich diese an Kinder verschenke, die daran interessiert sind, was ich hier so mache. Prompt erwiderte Naima: „Ich bin auch an Deiner Arbeit interessiert!“ Unschlagbar!
Naima entschied sich für das Buttermesser, ein Begriff, der ihr überraschenderweise sehr wohl geläufig war. Nicht überrascht war ich, als Adam das Abenteuermesser in die Hand nahm und meinte, es sei ja eigentlich auch ein Rittermesser. Selbstverständlich!
Mutter und Großmutter strahlten mit den Kindern um die Wette. Mich macht so etwas sehr glücklich!

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Löffel und Justiz

Löffel und Justiz

Aus Max und Moritz

Mit dem Löffel, groß und schwer, Geht es über Spitzen her;
Laut ertönt sein Wehgeschrei, Denn er fühlt sich schuldenfrei.

Die Löffelprobe

Ein archaisches Relikt aus den Zeiten des Chamurabi habe ich im Irak entdeckt: Die streitenden Parteien erscheinen vor dem Richter; es steht Aussage gegen Aussage, sodass der Richter allein daraus nicht die Richtigkeit der einen oder anderen Aussage beurteilen kann. Nun wird ein Metall-Löffel erhitzt und jede Partei muss den heißen Löffel mit der Zunge berühren. Derjenige, dessen Zunge anschließend Blasen aufweist – hat gelogen. Ein Gottesurteil! Eingeweihte wollten mir das Geheimnis damit erklären, dass der Lügner immer einen trockenen Mund hat. Nach meiner Einschätzung eine eher naive Einschätzung gerade von notorischen Lügnern!

Mit Löffel durch die Mauer

Bildzeitung vom 2. Oktober 2000:

9 Knackis weg! Infrarotkameras, Bewegungsmelder, elektronische Schließanlagen – moderne Technik soll in deutschen Gefängnissen für Sicherheit sorgen. Trotzdem gelang jetzt wieder neun Häftlingen die Flucht. Ganz simpel, mit einem Löffel … Die Justizvollzugsanstalt Wilhelmshaven gestern 4:30 Uhr früh. Aber zwei Gefangene hellwach: In ihrer Zelle kratzen Nelo F.(Rumäne, 23) und Munier R. (26, Jugoslawe) mit dem Löffel Putz und Mörtel aus der Mauer. Dann haben sie die Fugen weggeschabt: Wuchtig rammen sie ein Stuhlbein gegen die Mauersteine – fertig ist das Loch (30 x 30 cm) in den Gang. Der Rumäne zwängt sich durch. In der Wachstube überwältigt er einen Vollzugsbeamten, kettet ihn mit Handschellen an ein Bett. Nimmt ihm die Schlüssel ab und befreit seinen Komplizen. Dann holen sie noch sieben weitere Häftlinge aus ihren Zellen …

Ausbrecherin gefasst - Umsonst gelöffelt

18.03.2010
Schwein gehabt, Schwein verloren: In den Niederlanden hat sich eine Gefängnisinsassin mit einem Löffel einen Fluchttunnel gegraben. Doch ihre Freiheit währte nicht lang.
 Der Trick mit der im Kuchen eingebackenen Feile funktioniert schon lange nicht mehr. Und Gegenstände, die zum Durchsägen von Gitterstäben zweckentfremdet werden könnten, werden vom Wachpersonal in der Regel mit Argusaugen beobachtet. Wer heutzutage aus dem Gefängnis türmen will, muss sich etwas einfallen lassen – und Geduld haben, wie der Fall einer Ausbrecherin in den Niederlanden zeigt. 
Zurück hinter schwedischen Gardinen: Nach nur vier Wochen Freiheit sitzt eine Ausbrecherin in den Niederlanden wieder im Gefängnis. Mit einem Löffel hat sich eine 35-Jährige in monatelanger und mühseliger Kleinstarbeit einen Tunnel aus dem Gefängnis gegraben.
Die Flucht wurde möglich, weil die Frau nicht mehr in einer regulären Zelle, sondern in einem Sondergebäude untergebracht war. In dem Haus, direkt an der Gefängnismauer gelegen, werden Langzeitgefangene auf die Entlassung ins Zivilleben vorbereitet.
Die Niederländerin hatte noch knapp 22 Monate einer achtjährigen Gefängnisstrafe abzusitzen, als ihr die Flucht gelang: Die Frau buddelte vom Keller unter der Küche einen schmalen Tunnel zum Gehweg neben der Knastmauer. Einmal in Freiheit stellte sich die Ausbrecherin dann aber weniger geschickt an: Nur vier Wochen nach ihrem spektakulären „Löffel-Coup“ wurde sie von der Polizei gefasst – in einer Wohnung nur eine Stunde von der Haftanstalt entfernt.

Häftlling gräbt mit Messer Loch in Gefängnis-Mauer

Auch in Österreich ein möglicher Ausweg: mehr dazu!

Aus den Züricher Novellen: „Der Landvogt zu Greifensee“

Gottfried Keller

Der Landvogt saß einmal in der Woche zu Gericht:
Jetzt erschien ein ganz abgehärmtes Ehepaar, das den Frieden nicht finden konnte, ohne zu wissen warum. Die Quelle des Unglücks lag aber darin, dass Mann und Frau vom ersten Tage an nie miteinander ordentlich gesprochen und sich das Wort gegönnt hatten, und dieses kam wiederum daher, dass es beiden gleichmäßig an jeder äußeren Anmut fehlte, die einem Verweilen auf irgendeinem Versöhnungspunkte gerufen hätte. Der Mann, der ein Schneider war, besaß ein tiefes Gerechtigkeitsgefühl, wie er meinte, und grübelte während des Nähens unaufhörlich über dasselbe nach, während andere Schneider etwa ein Liedchen singen oder einen schnöden Spaß ausdenken; die Frau besorgte ausschließlich das kleine Ackergütchen und nahm sich bei der Arbeit vor, beim nächsten Auftritt nicht nachzugeben, und da sie beide fleißige Leute waren, so fanden sie fast nur während des Essens die zum Zanken nötige Zeit. Aber auch diese konnten sie nicht gehörig ausnutzen, weil sie gleich zu Beginn des Wortwechsels nebeneinander vorbeischossen mit ihren gespritzten Pfeilen und in unbekannte Sumpfgegenden gerieten, wo kein regelrechtes Gefecht mehr möglich war und das Wort in stummer Wut erstickte. Bei dieser Lebensweise schlug ihnen die Nahrung nicht gut an, und sie sahen aus wie Teuerung und Elend, obgleich sie, wie gesagt, nur an Liebenswürdigkeit ganz arm waren, freilich das ärmste Proletariat.

Gestern war der Zorn des Mannes auf das Äußerste gestiegen, so dass er aufsprang und vom Tische weglief. Weil aber das durchlöcherte Tischtuch an einem seiner Westenknöpfe hängenblieb, zog er dasselbe samt der Hafersuppe, der Krautschüssel und den Tellern mit und war alles auf den Boden. Die Frau nahm dies für eine absichtliche Gewalttat und der Schneider ließ sie, plötzlich von Klugheit erleuchtet, bei diesem Glauben, um sein Ansehen zu stärken und seine Kraft zu zeigen. Die Frau aber wollte dergleichen nicht erdulden und verklagte ihn beim Landvogt
Als dieser sie nun nacheinander abhörte und ihr trostloses Zänkeln, das gar keinen Kompass noch Steuerruder hatte, wahrnahm, erkannte er die Natur ihres Handelns und verurteilte das Paar zu vier Wochen Gefängnis und zum Gebrauch des Ehelöffels. Auf seinen Wink nahm der Weibel dieses Gerät von der Wand, wo es an einem eisernen Kettlein hing. Es war ein ganz sauber aus Lindenholz geschnitzter Doppellöffel mit zwei Kellen am selben Stiele, doch so beschaffen, dass die eine aufwärts, die andere abwärts gekehrt war.

„Seht,“ sagte der Landvogt, „dieser Löffel ist aus einem Lindenbaume gemacht, dem Baume der Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit. Denket beim Essen, wenn ihr einander den Löffel reicht (denn einen zweiten bekommt ihr nicht), an eine grüne Linde, die in Blüte steht und auf der die Vögel singen, über welche des Himmels Wolken ziehen und in deren Schatten die Liebenden sitzen, die Richter tagen und der Friede geschlossen wird!“

Das Männlein musste den Löffel tragen, die Frau folgte ihm mit der Schürze an den Augen, und so wandelte das bleiche, magere Pärchen trübselig an den Ort seiner Bestimmung, von wo es nach vier Wochen versöhnt und einig und sogar mit einem zarten Anflug von Wangenrot wieder hervorging.

Hier das Bild eines Ehelöffels von mir. Befreundete Ehepaare hatten zur Mahnung für die Zukunft einen derartigen Löffel mit der Geschichte von Gottfried Keller zur Hochzeit geschenkt bekommen.
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Kulturgeschichte

Kulturgeschichte

Der Löffel, dass älteste Essgerät des Menschen, hat eine lange Geschichte.

Er konnte nur unter zwei Voraussetzungen entstehen: Der Mensch musste das Feuer benutzen können und er musste in der Lage sein, ein Gefäß herzustellen.
Den Gebrauch des Feuers kannte schon der Pekingmensch (500.000 Jahre vor Christus), das Wissen darum gelangte zwischen 200.000 und 100.000 Jahre vor Christus nach Europa.

Die ersten Töpferwaren dürften hier 7-6000 Jahre v. Christus entstanden sein. Nun konnte man Gefäße ins Feuer stellen, darüber hängen. Aus war es mit der totalen Rohkost, die Geburtsstunde der Suppe hatte geschlagen. Erste Zutaten: Wurzeln, Kräuter, Wildgetreide. Somit hat auch die Suppe eine lange Geschichte, von der Rumford-Suppe über Liebig`s Fleischextrakt bis hin zu Knorr und Maggi.

Nun wurden Essgeräte benötigt. Zunächst fanden Muscheln, Schneckenhäuser, konkav gewölbte Holzstückchen Verwendung. Die frühesten Zeugen von angefertigten Holzlöffeln fand man in den Pfahlbauten der Schweizer- und Österreichischen Seen aus dem Neolithikum (ca. 2.500 v.Chr.). Diese Löffel befinden sich im Rietbergmuseum in Zürich.

Dass der frühe Esslöffel aus Holz war, sagt uns das englische Wort „spoon“. Das deutsche Wort Löffel mag seinen Ursprung wohl im Lateinischen haben, dort heißt Muschel, Schnecke, Schneckenhaus: „cochlea“. Die zweite Silbe „lea“ dürfte durch germanische Sprachen verschiedene Umbildungen erfahren haben, dort taucht das Wort lap auf für trinken, schlürfen, aber auch Lippe; im Althochdeutschen kennt man das Wort „lepil“ und im 15. Jahrhundert wird aus dem gotischen „leffil“ unser heutiges Wort Löffel.

Die Urform des Löffels ist die hohle Hand. Später wurde die Laffe rund, bauchig, kugelig. Der Stiel war kurz und wurde von der ganzen Hand umschlossen. Auf dem Gemälde „Die Suppenmadonna“ von Gerard David  haben Mutter und Kind solche Löffel in den Händen.

Die tägliche Koste der einfachen Leute bestand aus Breien, Mus und Suppen. Man ernährte sich von Getreide und Gemüse. Fleisch war dem Adel vorbehalten, er hatte das alleinige Jagd- und Fischrecht. In waldreichen Gegenden gab es die sog. Suppentische. In die Holzbohlen der Tische waren Vertiefungen eingearbeitet, aus denen man die Suppe löffelte. Kleine Holzschüsseln fanden auch Verwendung. Die bauchige Löffelform und der kurze Stiel haben sich bis ins späte Mittelalter erhalten. Dann änderte sich die Form der Laffe, sie wurde oval.

Um 1400 tauchte eine Neuerung aus den Niederlanden aus, der Teller. Aus ihm konnte man wohl schlecht mit einem kugelig geformten Löffel essen. Auch die Stiele wurden länger. Man nimmt an, dass die Kleidermode mit den Halskrausen und Mühlsteinkragen ein Grund dafür war. Auch die kleinen Leute brauchten Löffel mit längeren Stielen. Sie konnten sich lange keine Teller leisten, man aß gemeinsam aus einer großen Schüssel, eine Gepflogenheit, die sich in ländlichen Bereichen in Friesland, Franken und bayrischen Wald bis etwa 1935 gehalten hat.

Den Holzlöffel schnitzte man sich eigentlich selbst. In ländlichen Regionen war es eine alte Tradition: Hinter dem Esstisch befand sich das Löffelbrett oder eine Haltevorrichtung an der Wand, in dem jeder seinen Löffel aufbewahrte. Zum gemeinsamen Essen entnahm jeder den entsprechenden ihm gehörenden Löffel. Es gab nur so viele, wie die Zahl derer, die ständig zu Tisch saßen. Diese Löffel wurden vom Hausherrn während der Wintermonate geschnitzt und blieben sein Eigentum. Deshalb musste der Knecht seinen Löffel abgeben, wenn er den Hof verließ. Und wenn die Tochter des Hauses heiratete und einen eigenen Hausstand gründete, entnahm sie ihren Löffel, zerbrach diesen und warf ihn aus dem Fenster.

Selbst in Wirtshäusern und Herbergen standen wenige Löffel zur Verfügung. Diese Leihlöffel waren mit Ketten am Tisch befestigt. Die adeligen Herrschaften brachten zu den Gastmählern ihr eigenes Besteck mit. Das schütze vor Giftanschlägen. Das Besteck -zum Messer hatte sich der Löffel gesellt, später auch die Gabel- trug man in einem Köcher am Gürtel befestigt. Alle drei Teile waren reichlich verziert, man wollte mit seinem Besteck auffallen, wollte bewundert werden. Da gab es kunstvolle Schnitzereien: Monogramm, Wappen, Ornamente, auf die Stiele aufgesetzte Silberhülsen, oft mit Figuren, griechische, römische Gottheiten, Heiligenfiguren, manchmal auch Erotika; auch Koralle, Elfenbein, Perlmutt und Bernstein zeigten Reichtum und Kunstsinn an. Überhaupt setzten sich am Ende des 15. Jahrhunderts verfeinerte Tischsitten durch. Auslöser waren Anstandsbücher, „Tischzuchten“  betitelt. Auch der Humanist Erasmus von Rotterdam verfasste eine derartige Schrift. Danach war es unfein, den Löffel mit der Faust zu fassen, man hielt ihn mit drei Fingern; anstößig war, sich durch die Haare zu fahren, sich irgendwo am Körper zu kratzen; Man hatte sich nicht von einem anderen Tischgast das Messer zu leihen oder die Schüssel so zu drehen, dass man die besten, fettesten Bissen bekam und ganz arg war es, sich den Mund am Tischlaken abzuwischen, bestand doch eine gedankliche Verbindung zu dem Tuch, das über den Tisch des Herrn, den Altar, gebreitet wird.

Die besser gestellten Bürgerfamilien, erstrebten neben ihren alltäglichen Holzlöffeln den Besitz von wenigstens einem Silberlöffel, wie er in Adelskreisen, bei den Kirchenfürsten, am Hofe Eingang gefunden hatte. Zeugte dieser doch von Vornehmheit, Lebensart und Stil; fast fühlte man sich dem Adel gleichgestellt. Wehe, wenn solch ein Repräsentationsstück verschwand! Selbst ein so berühmter Musiker und Komponist wie Rossini war sich nicht zu schade, ein Libretto, das von einem gestohlenen Löffel handelt, zu einer Oper zu gestalten. Gerade noch rechtzeitig, als man den vermeintlichen Dieb einer Strafe zuführen will, entdeckt man die diebische Elster mit dem Löffel im Baum.

Dies zeigt auch, welche Rolle der Löffel im Bewusstsein der Menschen spielte, nicht nur Sprichwörter und Redensarten wie z.B. der hat die Weisheit mit Löffeln gefressen, der mit einem silbernen Löffel im Mund geboren wurde, auch Paten- und Hochzeitslöffel deuten darauf hin. Als liturgisches Gerät findet er Verwendung als Hostienlöffel. Man denke auch an das Löffelopfer, das man der Heiligen Apollonia bei Zahn- und Munderkrankungen bringt.

Die Menschen in der Stadt hatten kaum mehr Gelegenheit, sich ihre Löffel selbst zu machen. So lag es in der Zeit, dass sich Manufakturen bildeten, die Löffel herzustellen. Die erste soll von drei löffelschnitzenden Hirten aus Hayna in Thüringen um 1685/90 gegründet worden sein. Es gab auch eine Zunft der Löffelschnitzer. Ein kärglicher Broterwerb: An einem 12 Stunden-Tag entstanden in der Regel 6 Löffel, was einem Tagesverdienst von 2.00 – 2,50 DM entsprach. Händler brachten die Löffel nebst Besen und Bürsten unter die Leute. Bis ins 18. Jahrhundert blieb das einfache Volk beim hölzernen Esslöffel.

Die anliegenden Fotografien von 1896 zeigen Löffelmacher:innen in den Dörfern des Gouvernements Nischhniy-Novgorod, Russland. Dies war das Hauptproduktionszentrum von hölzernen Löffeln in Russland während des 19.-20. Jahrhunderts. Dort entstand auch die dekorative Technik, der ofengehärteten Malerei in Rot, Schwarz und Gold. Viele Löffel wurden damit verziert. Die Löffelschnitzer:innen waren oft Mitglieder der gleichen Familie. Überwiegend wurden die Löffel aus dem Holz der Birke gefertigt.

1710 erfanden zwei Arbeiter aus Bayersfeld im Erzgebirge den Blechlöffel. Aus Schwarzblech ausgeschnitten, mit dem Hammer getrieben. Die Uhrenträger aus dem Schwarzwald brachten 1735 bei ihrer Rückkehr in die Heimat handgeschmiedete Löffel mit angenietetem Stiel mit. Auch diese waren im Erzgebirge gefertigt worden.
Daraus entstanden Löffelschmieden. Hammerwerke mit Wasserkraft betrieben in Schonach, Calw, Lenzkirch, Hinterzarten, die teilweise noch bis 1880 in Betrieb waren. Die Löffelpresse wurde in Schweden entwickelt. Die maschinell erzeugten Löffel fanden schnell Verbreitung in der Bevölkerung. Der Holzlöffel wurde verdrängt, fristet sein Dasein als Koch- oder Rührlöffel, erobert sich aber wieder einen Markt von und für Individualisten.

Ursprünglicher Text von Ruth Kampffmeyer, von mir ergänzt.

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Corona Löffel

Corona Löffel

Die Corona Löffel oder Das Zepter des Häuptlings

Meine Nachbarin Sandra brachte mir die Leisten eines alten Lattenrosts zu mir, das Holz könne ich ja im Kamin verbrennen. Eine nähere Augenscheinseinnahme ergab dann, dass es sich um ganz verschiedene Hölzer handelte: Eiche, Buche, Kirsche, Pitchpine, Lärche und Fichte. Das konnte ich nicht übers Herz bringen, diese Hölzer zu verheizen. Was tun? Natürlich Löffel unter Erhalt eines langen Stiels, was in Coronazeiten mit Abstand eine gute Idee schien.

Wie schreibt Bertholt Brecht in der Mutter Courage: Wer mit dem Teufel frühstücken will, muss einen langen Löffel haben. In Anlehnung an William Shakespeare: Der braucht einen langen Löffel, der mit dem Teufel isst.

Als ich im Hof diese Leisten begann zu Löffeln zu verarbeiten, fragten die ersten Kinder schon, was ich da mache? Von Corona wollte ich nicht sprechen! Also:

„Mein Freund Häuptling Nimmersatt von den Suppenindianern hat mich gebeten ihm einen langen Löffel zu schnitzen. Das sollte sein Zepter sein, damit alle Bescheid wissen, dass er der Chef ist.“
Die Kinder staunten darüber, wen ich alles kennen würde. Nun denn! Mit ein paar Federn und bunten Perlen geschmückt entstanden so diese Löffel.

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Vegesacker Heringslöffel

Der Vegesacker Heringslöffel

Der Vegesacker Löffel der Heringsfischer

Der Vegesacker Heringslöffel entstand im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zum 400 Jahrestag des Hafens. Dabel handelt sich um den Nachbau eines angeblich historischen Löffels aus der Zeit des frühen 17. Jahrhunderts. Dieser Löffel wurde angefertigt aus dem Eichenholz der ersten Uferbefestigung an der Tiefer in Bremen und ist mindestens 400 Jahre alt. Das Holz hat damit das Alter des Vegesacker Hafens. Der von mir angefertigte Heringslöffel wurde anläßlich des Havengeburtstages an den Bürgermeister übergeben. Vier kleine Löffel aus eben diesem Holz auf einer lackierten Tischlerplatte wurde der Vertreterin der Danziger Stadtverordnetenversammlung übergeben.

Zur Frage des Alters des „Heringslöffels“

Wikipedia

Im Mittelalter lag die Straße Tiefer noch nicht direkt an der Weser. Zwischen der Straße und der Weser befanden sich die Packhäuser. Nördlich von der Tiefer floss noch ein Nebenarm der Weser, die Balge. Die zwischen Balge und Weser liegende Insel – die Balgeinsel – entsprach dabei weitestgehend dem späteren Martini- und Tieferviertel. Mit dem Ausbau der Schlachtehäfen veränderte sich auch das Bild im Weserbereich vor der Tiefer. 1564 ist dieser Ausbau auf der alten Stadtansicht von 1550/1564 von Hans Weigel noch nicht erkennbar:

Franz Hogenberg deutet in seinem Kupferstich Brema von 1588/89 eine gewisse Begradigung an. An der Weser stehen Giebelhäuser, und im östlich Bereich steht ein Teilstück der Bremer Stadtmauer. Der Stadtplan Brema von 1640 von Matthäus Merian zeigt schon, dass vor den Giebelhäusern kleine Lastkähne angelegt haben und eine Kajenkante existieren muss.

So sind auch in der Stadtansicht von Jürgen Landwehr von 1602 (andere Quellen 1617), die in der Güldenkammer im Bremer Rathaus hängt und in der Ansicht von Johann Landwehr (1661) diese Veränderungen an der Weser deutlich erkennbar.

Weser-Kurier vom 10.03.2021

Mit 25 Ankern und mehr als 100 Stahlbetonpfählen wird die Wand am Rücken der Tiefer-Arkaden stabilisiert. Das Bauwerk aus dem 16. Jahrhundert sackt allmählich ab. (….) Die Arkaden stammen aus dem Jahr 1913 (…). Aber vor allem geht es um alten Bestandteil des Gesamtbauwerks, der jetzt Sorgen bereitet, und das ist die Hochwasserschutzwand aus dem 16. Jahrhundert. Deren Pfahlgründung hat sich im Laufe der langen Zeit vollständig zersetzt. Die Wand sinkt in der Folge ganz allmählich ab.

Weser-Kurier vom 20.04.2021

Die Sanierung der maroden Tiefer-Arkaden rückt allmählich näher: Die Hochwasserschutzwand, die die Rückseite des Gewölbegangs bildet, soll instandgesetzt werden. Diese Wand war früher die Ufermauer. Schwere Eisenringe, an denen Schiffe mit Tauen festgemacht wurden, zeugen noch heute davon. Die Mauer stammt aus dem 16. Jahrhundert und wurde auf Holzpfählen gegründet, die eine so lange Zeit nicht überdauern konnten.

Eigene Befunde

Nach Rücksprache mit dem Landesarchäologen konnte uns der Polier der dortigen Arbeitsgruppe einige Eichenbohlen dieser alten Spundwand zur Verfügung stellen. Zwei dieser Bohlen habe ich zu Vegesacker Heringslöffeln verarbeitet. Das Holz war teilweise stark vermodert. Ein Zustand, der von dem Holz im Moor abgelegter Eichenhölzer bekannt ist. Eine Bearbeitung war gut möglich, da das Holz nach Trocknung äußerst stabil war. Die Löffel wurden mit der Kettensäge zugeschnitten, streckenweise mit einem Elektrohobel grob bearbeitet und dann mit traditionellen Holzwerkzeugen manuell in Form gebracht. Kinder halfen sodann bei der äußeren Gestaltung des Löffels

Das Narrativ über den Vegesacker Heringslöffel

Der Legende nach wurde dieser Löffel von den Vegesacker Heringsfängern auf ihren Buisen und später Loggern als Talisman mit an Bord geführt. Die Form des Löffels konnte sich dabei von Schiff zu Schiff unterscheiden. Der hier nachgebaute Löffel ähnelt mit an seiner Spitze weit aufgerissenen Augen an die Form eines Fisches. Derartige Löffel wurden gerne auch hinter den Schiffen hergezogen, um so Heringsschwärme anzulocken. Damals verfügten die Fischer noch nicht über Sonargeräte, die ihnen den nahen Heringsschwarm anzeigen konnten. Hier waren die Fischer auf ihre eigenen Erfahrungen und Glücksbringer angewiesen.

Bei der Ausfahrt der Schiffe aus dem Hafen stand ein Mann der Besatzung vorne am Bug des Schiffes und richtete so einen überdimensionalen Holzlöffel weserabwärts Richtung See. Dies symbolisierte den Wunsch nach einem erfolgreichen Heringsfang und anschließend bei der Rückkehr einem mit Fischen angefüllten Schiff. Am „Utkiek“, der Landzunge an der Mündung des Vegesacker Hafens in die Weser, standen die Frauen und Familien der Fischer und riefen den Fischern ihre guten Wünsche für einen reichlichen Fang und vor allem eine gute und gesunde Heimkehr zu.

Der Holzlöffel hatte an Bord der Schiffe während der ganzen Fangreise einen privilegierten Platz am Fockmast des Schiffes. Jeder der Seeleute musste diesen mit dem linken Zeigefinger berühren, wenn er an ihm vorbeilief, gleichgültig, wie oft das am Tag geschah. Das berichtet in seinen Erinnerungen der Heringsloggerkapitän Frido Brockenburg (1861-1934), die man kürzlich auf einem Dachboden in einem der Kapitänshäuser am Wilmannsberg in der Vegesacker Innenstadt gefunden hat.

Die Fischer galten als aus tiefstem Herzen abergläubisch und so gründete sich diese Zeremonie mit dem Holzlöffel bei der Ausfahrt und während der Fangfahrten auch auf einem solchem Mythos. Der Löffel galt als Glücksbringer. Löffel haben auch heute noch für viele Menschen eine besondere, oft sogar mythische Bedeutung. So wird berichtet, dass den Löffelträgern hilfreiche Geister zur Seite stehen, die ihrem Glauben nach in diesen Löffeln innewohnen.

Zudem gilt der Löffel als Symbol für den Wunsch nach immer ausreichend gefüllten Tellern und Erträgen vom Feld, aber eben auch von der Jagd und dem Fischfang, auf dass die Familien immer genug zu essen haben. So steht ein voller Löffel für Wohlstand und einen satten Magen.
Und schließlich kann der Löffel auch als Symbol des Friedens interpretiert werden: Wer mit einem Löffel isst, muss dazu jegliche Bewaffnung aus der Hand legen und alle seine Kampfhandlungen einstellen.

Der Löffel- ein Multitalent.

Ernst Matzke, Bremen
Ernst Matzke, Bremen
Christoph Sprute, Bremen
Tim Lennecke, Hamburg
Tim Lennecke, Hamburg
Tim Lennecke, Hamburg

Bürgermeister Bovenschulte besucht Vegesack anlässlich des Hafengeburtstags und erhält den Heringslöffel von Horst Wesemann